Zwei Wollen Meer

Unsere Reise durch den Pazifik

Aktuelles

Urlaub vom Urlaub - Teil 3 Funkstille

Rimatara, Austral-Inseln, 02.12.2021

Es herrscht nun schon ein paar Tage gähnende Leere auf unserer Website, was Neuigkeiten angeht. Dies liegt an der Abgeschiedenheit der Australs. Das Internet reicht zwar zum Nachrichten schreiben, für mehr aber auch nicht. Daher müsst ihr euch leider noch etwas gedulden, was unsere Beichte über die herrlichen Inseln Rurutu und Rimatara angeht. Auf letzterer befinden wir uns gerade, in der Pension Perruche Rouge

Am kommenden Montag gehts dann zurück nach Tahiti zu den Boosies. Dann erwarten euch die neuen Beiträge über die Australs!

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Urlaub vom Urlaub - Teil 2 - Tubuai

Moerai, Rurutu, Austral-Inseln, 27.11.2021

Nach sieben abwechslungsreichen Tagen auf Raivavae fliegen wir auf die Nachbarinsel Tubuai. Hier gibt es zwar keine Familienmitglieder, bei denen wir unterkommen könnten, aber wir möchten auch diese Inselschönheit besuchen. Tubuai liegt etwas nördlich von Raivavae und damit ziemlich genau auf dem südlichen Wendekreis der Sonne. In knapp einem Monat wird die Sonne also genau hierüber stehen – noch verläuft ihre Bahn nördlich von uns.

Wir wohnen bei einem französisch-tahitianischen Pärchen, welches ein Restaurant und Roulotte auf der gut 2.200 Einwohner zählenden Insel betreibt. Wie fast immer liegt auch dieses Grundstück direkt am Strand. Letzterer ist jedoch völlig anders als auf der Nachbarinsel – eine riesige, ziemlich flache Lagune mit orangefarbenem Sand umgibt die Insel. Die Lagune beherbergt jedoch nur vier Motus, eine kleine Steininsel und ein paar Sandbänke.

Mit den Kajaks unserer Unterkunft steuern wir eines der Motus an, doch ich schaffe es gerade einmal bis zum 2km entfernten Steinmotu ‚Ofa’i. Die einströmende Flut, Wellen und Gegenwind lassen meine Kraft schwinden. Auf der Steininsel brüten zahlreiche Vögel am Boden – wir stören also nur kurz und bestaunen schnorchelnd das umgebende Riff.

Außerdem stehen uns zwei Fahrräder zur Verfügung. Der Straßenverkehr ist deutlich „dichter“ als auf Raivavae, pro Stunde begegnet man hier immerhin 10 bis 20 Autos (wobei sich die Fahrzeuge mehrfach doppeln). Auch insgesamt ist die Insel deutlich moderner als Raivavae, es gibt überall fließend Wasser und betonierte oder asphaltierte Straßen inkl. Beleuchtung. Wir besuchen den örtlichen Friedhof, auf dem wir ein Grab mit deutschen Namen entdecken. Später soll sich dies noch aufklären… Im Lebensmittelladen gibt es eine Spendenbox für die Kastration von Straßenhunden. Der Inseltierarzt hat sich diesem Problem angenommen und die Ladenbesitzerin freut sich sehr über unsere Spende – wir uns über das Engagement des Tierarztes.

Mit den bremsen- und schaltungslosen Rädern kämpfen wir uns in die Inselmitte – hier beginnt der Aufstieg auf den Mont Taitaa, welcher 422m hoch ist. Wir genießen das Gipfelpanorama und sind auf dem Rückweg froh, dass unsere nicht angeschlossenen Fahrräder immer noch unversehrt da stehen, wo wir sie abgestellt haben. Angst vor Diebstahl muss man auf den Australs glücklicher Weise nirgendwo haben. Unser Weg führt uns zurück durch Litschiplantagen und Melonenfelder.

Am nächsten Morgen fährt uns Taxi Lolo zum Flughafen. Die gemütliche Dame erzählt uns, dass ihr Großvater von einem Schweizer abstammt und Hoffmann hieß – zufällig jener Name, den wir auf dem Friedhof gelesen hatten. Der Vorfahre sei damals mit der Bounty, deren Besatzung 1789 hier nach der Meuterei mit Anführer Fletcher Christian Schutz suchte, hierher gekommen. Er sei dann hier geblieben und habe eine Einheimische geheiratet. Spätere Recherchen im Internet lassen uns jedoch an dieser Aussage zweifeln. Besagte Familie Hoffmann kam gemäß Google-Recherche erst im 19. Jahrhundert aus dem Osten Frankreichs, nahe Straßburg, hierher. 

Unsere Reise führt uns nun weiter nach Rurutu. Bei suboptimalem Flugwetter und einigen Turbulenzen kommen wir dennoch sicher dort an… Fortsetzung folgt 😉

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Urlaub vom Urlaub - Teil 1 - Raivavae

Tubuai, Austral-Inseln, 19.11.2021

– Für mehr Bilder bitte den Beitrag unter Französisch-Polynesien anschauen –

„Ist euch noch nicht langweilig, wollt ihr nicht ein paar Inseln besuchen?“, fragt uns die Mutter von Herenui. Es gäbe doch so viel Verwandtschaft, die wir besuchen könnten, z. B. auf den Marquesas oder Austral-Inseln. Wir machen uns also kundig, wie man dahin kommen kann – vielleicht auch ohne Flugzeug. Gleich vorab – dieser Beitrag hat auf Grund der langsam laufenderen Uhren auf den Australs zu einer Rekord-Länge geschafft.

Auf die Austral-Inseln, welche 500 bis 1000 km südlich von Tahiti verteilt liegen, fährt zweimal im Monat ein Frachtschiff. Leider hält es da nur kurz zum Be- und Entladen, sodass man nicht an Land gehen kann oder gleich zwei Wochen bis zum nächsten Schiff bleiben muss. Segeln will zu der Jahreszeit auch keiner mehr da runter, immerhin ist das Zyklon-Risiko „moderat“ und damit höher als auf Tahiti. Es bleibt uns also leider nur das Flugzeug, was die einzelnen Inseln zwei- bis dreimal wöchentlich ansteuert.

Kaum sind die Flüge gebucht, kümmert sich Miranda, Herenuis Schwester, auch schon um die Kontakte zur Familie. Pensionen seien schließlich viel zu teuer, meint Herenui. Wir fliegen zuerst nach Raivavae, wo der Mann von Miranda, Herenuis Schwester, herstammt. Drei seiner zwölf Geschwister leben noch hier – wir kommen bei einer der beiden Schwestern unter. Knapp zwei Stunden dauert der Flug von Tahiti und wird mit einem spektakulären Landeanflug über eine türkise bis tiefblauen Lagune gekrönt. Die Landebahn ist in selbige hineingebaut und der ATR, eine Propellermaschine, setzt recht unsanft auf.

Micheline, welche 54 Jahre alt ist, empfängt uns am Ausgang mit mächtig schweren Blumenketten, sog. Couronnes, aus Pua-, Christusdorn-, Basilikum- und Tiareblüten. Ein Bekannter fährt uns gemeinsam zum Wohnhaus nach Anatonu im Norden der Insel. Die Familie selbst besitzt kein Auto, dafür aber fünf Fahrräder und zwei Motorroller. Das ist auch völlig ausreichend hier – die Insel wird von einer 20 km langen Küstenstraße aus Sand, Beton und Asphalt umgeben, zwei Traversen überqueren zwischendurch das bergige Inland. Da die Austral-Inseln in subtropischen Gebreiten liegen, ist es hier deutlich kühler als auf Tahiti. Die Tagestemperaturen liegen zwischen 20 und 25 Grad und es weht stets ein frischer Wind aus Südost. Auf Grund des reichlichen Niederschlages und der recht stabilen Temperaturen gedeiht hier dennoch eine tropische Vegetation in Küstennähe. Wir entdecken aber auch viele „Bekannte“, wie Olivenbäume, Oleander, Zinnien, Gerberas, Pinien und Kohlköpfe. Stellenweise fühlen wir uns wie auf den Kanaren oder auf Madeira. Selbst Apfel-, Pfirsich-, Maulbeer- und Nektarinenbäume sowie Weinreben wachsen auf Raivavae. Passend zur anstehenden Weihnachtszeit gibt es eine botanische Besonderheit: Auf den Motus wächst eine endemische Art des Sandelholzbaumes, welcher u. a. Verwendung als Räucherkerzenduft findet. Hierfür war Raivavae im 19. Jahrhundert in Europa bekannt.

So muss Bora Bora vor 50 Jahren gewesen sein, sagt man in Hinblick auf die Besiedlung. Zwar gibt es Strom, aber nur selten fließend Wasser. Fünf Geschäfte versorgen die Insel, allesamt sind nicht mehr als ein großes Zimmer in einem Wohnhaus. Möchte man etwas bestimmtes kaufen, was über den täglichen Bedarf hinaus geht, z. B. ein Möbelstück, muss dies in Tahiti bestellt und mit dem Frachtschiff geliefert werden – Dauer mindestens zwei Wochen.

Internet ist so gut wie nie verfügbar, am Postamt gibt es allerdings am Wochenende gratis WLAN – sowas wie das Tor zur Außenwelt, hier am gefühlten Ende der Welt: Südlich von hier kommt nur noch die Insel Rapa (nur per Schiff zu erreichen und unabhängig), bevor nach ca. 9.000km die Antarktis folgt.

Touristen sind auf Raivavae eine echte Seltenheit. Die drei Pensionen machen einen leeren Eindruck – seit Corona komme kaum mehr ein Tourist hierher, berichtet Tuarue, der Sohn unserer Gastgeberin Micheline. Er ist 21 Jahre und nach seiner landwirtschaftlichen Ausbildung auf Moorea und in Belgien hierher zurückgekehrt. Sein großer Bruder ist bei der Marine in Frankreich und daher müsse er sich mit um die Eltern, das Haus und die Tiere kümmern, berichtet er. Außerdem hat er einen guten Job in der hiesigen, staatlichen Landwirtschaftseinrichtung, welche u. a. über eine Baumschule und ein keines Sägewerk verfügt. Die lokalen Bauern wenden sich an diese Einrichtung, wenn sie Schwierigkeiten bei der Kultivierung einer Pflanze haben. Tuarue dokumentiert dies in der Folge und schreibt am Computer entsprechende Berichte. Diese werden dann, teilweise mit Pflanzenmaterial, zur Analyse und Auswertung nach Tahiti geschickt.

Hamai, der Mann von Micheline, ist 67 und war ebenfalls bei der Armee in Frankreich. Er weiß daher einiges aus Europa zu berichten und freut sich spürbar über die tägliche Unterhaltung mit uns Auswärtigen. Micheline hingegen fällt die Unterhaltung auf Französisch schwer – sie spricht hauptsächlich Tahitianisch, und davon noch die spezielle Form hier von Raivavae. In dieser Form gibt es kein R, aber dafür das G, was im Tahitianischen wiederum nicht auftaucht. In der heimischen Sprache heißt die Insel eigentlich Gaivavae (sprich: Ga-i-va-va-e). Und statt Iaorana sagt man hier Iaogana oder A ne ge. Hannes zückt Zettel und Stift und wir versuchen uns so viele Worte wie möglich einzuprägen.

Das Inselleben auf Raivavae ist recht verschlafen. Zwischen Wohnhaus und Lagune liegt lediglich die kaum befahrene Straße. Die Autos, die täglich am Haus vorbeifahren, kann man leicht zählen. Heute zum Sonntag waren es neun, sowie zwei Fahrräder und zwei Mopeds – wochentags vielleicht das Doppelte. Zum Haushalt gehören noch vier Hunde, zwei Katzen und fünf Schweine. Letztere dienen der Selbstversorgung. Micheline ist Hausfrau und bastelt nebenbei Muschelketten, Hamai ist Rentner und das Geld, was Tuarue verdient, reicht zwar zum Leben, aber nicht für mehr, berichtet er. Wenn man 60 Jahre erreicht hat, bekommt man hier 80.000 XFP, umgerechnet knapp 700 Euro, pro Monat – egal ob man gearbeitet hat oder nicht. Die Familie hat insgesamt einen sehr sparsamen Lebensstil, jeder Gegenstand wird solange verwendet, bis er wirklich richtig kaputt ist. An der Kaffeetasse von Micheline ist der Henkel abgebrochen – trotzdem nutzt sie sie noch. Ein kompletter Gegensatz zum Leben auf Tahiti. Im Haus gibt es kein fließend Wasser, der an der Quelle angeschlossene Gartenschlauch dient draußen zum Duschen und im Haus zum Spülbecken auffüllen. Die Toilette muss mittels Eimer gespült werden. Strom ist vorhanden und damit Kühlschrank, Gefriertruhe, TV und Radio ebenfalls.

Ab und zu geht Tuarue fischen. Außerdem bestellt die Familie regelmäßig Fisch auf Vorrat bei lokalen Harpunenfischern. Viele weitere Lebensmittel kommen aus dem Garten – allen voran Bananen, wovon sich ein ganzer Wald hinter dem Haus befindet. Weiterhin Papayas, Mangos, Ananas, Limetten, Litschies, Pitahayas und Avocados. Die riesigen Mangobäume haben nur noch ein paar wenige, knorrige Früchte. Gefällt werden die Bäume trotzdem nicht – Hamai berichtet, dass sie wichtig sind, weil ganz viele Vögel darin brüten, u. a. eine seltene Seeschwalbe. Und auch sonst ist das Umweltbewusstsein hier ein etwas anderes als auf Tahiti. Der Müll wird halbwegs ordentlich getrennt und auf die Erhaltung der Lagune wird geachtet. Muscheln werden im Meer an der Fundstelle und nicht an Land ausgenommen, damit die Eier wieder ins Wasser gelangen. Fische dürfen erst ab ca. 20 cm Größe gefangen werden. Außerdem hat die Kirche einen Plan aufgestellt, wo gefischt werden darf und wo für fünf Jahre Schonzeit ist. Danach wird gewechselt. Dies sei zwar nicht mit dem Rathaus abgestimmt, aber die Leute gehorchen darauf, was der Herr will, berichtet Hamai. Eine weitere Festlegung der Kirche, die vom Rathaus abgelehnt wurde, ist, dass alle Reisenden hier zunächst 14 Tage in Quarantäne sollen, bevor sie raus dürfen. Egal, was die Festlegung der Regierung hierzu ist. Unsere Familie macht diesbezüglich ein kleines Spagat: wir dürfen zwar das Haus verlassen, aber Sonntag nicht mit in die Kirche kommen.

Zehn aktive Corona-Fälle gäbe es aktuell, was bei 900 Einwohnern schon recht viel ist. An den jeweiligen Häusern ist außen gut sichtbar ein Schild angebracht: Achtung, hier Covid. Offiziell sind die Leute zuhause in Quarantäne, Tuarue berichtet jedoch, dass sich kaum jemand daran halte.

Der Ort Anatonu, in dem wir wohnen, ist einer von fünf Dörfern hier auf Raivavae. Neben dem Flughafen gibt es auf der Insel noch einen Hafen, an dem größere Schiffe anlegen können, eine Polizeistation, eine Krankenschwester, eine Tankstelle, ein paar Sportplätze und eine Grundschule. Im Anschluss an letztere müssen alle Kinder ins Internat auf die Nachbarinsel Tubuai.

Sensible Tierfreunde – bitte diesen Absatz überspringen:
Geschätzt leben auf Raivavae mindestens doppelt so viele Hunde wie Einwohner, die meisten davon frei laufend. Der Großteil scheint jedoch einen Besitzer zu haben und ist verglichen mit Tahiti in einem verhältnismäßig gutem Zustand. Ähnliches gilt für Katzen. Was es jedoch leider nicht gibt, ist ein Tierarzt, folglich auch keine kastrierten Haustiere. Auch eine Tierschutzorganisation, wie „Les 4pattes“ (Die vier Pfoten), welche auf Tahiti gratis die Kastration von Varoa’s Hündin Mila übernommen hat, existiert hier leider (noch nicht). Auf unsere Frage, was denn dann mit dem ganzen Nachwuchs passiere, gibt es die nüchterne Antwort, dass dieser kurz nach der Geburt lebendig in ein Loch geworfen wird. Beim Anblick der trächtigen Katze unserer Gastfamilie läuft mir der Schauer über den Rücken. Doch was soll man tun? Alle Tierbabys am Leben zu lassen, würde eine unkontrollierte Ausbreitung auf der Insel bedeuten, ebenfalls verbunden mit viel Tierleid, wenn der Nachwuchs dann zu herrenlosen, abgemagerten Streunern wird – so wie es z. B. mit den Katzen in unserer Erfurter Gartenanlage der Fall ist. Ob es in der Verantwortung des Staates liegt, hiergegen etwas zu unternehmen? Gleiches fragen wir uns beim Thema (Plastik-)Müll, was wir im folgenden Absatz noch aufgreifen.

Ein besonderes Kunsthandwerk von den Australs sind Schnecken- und Muschelketten. Diese werden zum Empfang und zur Verabschiedung von Verwandtschaft, vor allem zu Weihnachten, überreicht. Wenn Ketten übrig bleiben, so verkauft man diese. Auf einem der 29 Motus, die Raivavae umgeben, erfahren wir, wo der Rohstoff für dieses Handwerk herstammt: die Frauen graben hier, ähnlich wie Goldsucher, im ehemaligen Korallenriff, wo man stellenweise gehäufte Muschel- bzw. Schneckenansammlungen findet. So auch auf dem Motu Vaiamanu, was wegen den umgebenden Wasserfarben auch Motu Piscine (Schwimmbecken) genannt wird. Mit reichlich Wasser, Proviant und Zelten brechen wir zu sechst per großem Holzboot und kleinem 5-PS-Motor auf, das Motu zu erkunden und Muscheln zu schürfen. Erst auf der Bootsfahrt zum Motu wird uns klar, dass wir da wohl übernachten werden. Offenbar hat man versäumt, uns mitzuteilen, dass es erst übermorgen wieder nach Hause geht. Glücklicher Weise sind wir flexibel und kommen auch mit wenig klar. Nach der Ankunft schlagen wir die Zelte auf und die Frauen machen sich auf zum Schürfen. Wir hingegen sollen doch spazieren gehen und das herrliche Motu erkunden.

Doch leider erleben wir bei der dreistündigen Inselumrundung nicht nur Schönes: An der rauen, südlichen Pazifikküste des Motus bringt das Meer neben herrlichen Muscheln und der giftigen, aber wunderschönen Portugiesischen Galeere auch Tonnen von Plastikmüll hervor. Allen voran Getränkeflaschen, Flipflops und andere Schuhe,  Bojen und Schwimmkörper von Fischernetzen. Weiterhin Plastikgitter und -kisten, Flüssigwaschmittel- und Shampooflaschen sowie Teile von Schiffstauen. Zu finden sind auch einige Geisternetze, bei welchen es sich um verloren gegangene Fischernetze handelt. Diese sind besonders gefährlich, da sich bei ihrem Treiben durch den Ozean unzählige Meeresbewohner darin verfangen und verenden.

Uns blutet das Herz bei dem Anblick des Mülls – und es ist dabei doch nur ein millionstel Bruchteil dessen, was in den Meeren unterwegs ist. Gleichzeitig sind wir hier unmöglich in der Lage, etwas zu unternehmen. Auf Bora Bora, Moorea oder Tahiti hatten wir jeweils die Möglichkeit, den Müll einzusammeln und zu entsorgen. Hier jedoch gibt es weit und breit keine Entsorgungsmöglichkeit, erst recht nicht für diese Masse. Alle zwei- bis dreihundert Meter ließe sich ca. ein Bigbag (1m³) Müll zusammen sammeln. Allein auf diesem Motu liegen also mindestens fünf bis sechs Bigbags sichtbarer Müll, der bereits im Gebüsch und Geröll verschwundene bzw. zerbröselte Müll ist da noch nicht dabei. Wir entscheiden uns dafür, wenigstens einen Teil abzusammeln und ins höher gelegenen Gebüsch zu verfrachten, insbesondere die Geisternetze. Dass dies keine langfristige Lösung ist, ist uns dabei klar.

Doch wo kommt dieser Müll her, hier so weit abseits der nächsten größeren Inseln sowie Kontinenten? Wir finden eine recht junge Plastikflasche, auf der alleinig asiatische Schriftzeichen zu lesen sind. Die kann schon mal nicht von hier stammen. Flipflops, Wasser- und Limoflaschen hingegen mögen ihren Ursprung hier im Südpazifik haben. Vieles kommt, so unsere Schlussfolgerung aus den gefundenen Teilen, aber auch von Schiffen nicht definierbarer Nationalitäten – wie Bojen, Kunststofftaue und -kisten sowie Fischernetze.

Der Müll, der hier nicht durch die Brandung wieder ins Meer gezogen wird, wird durch das Sonnenlicht spröde. Viele Dinge zerbersten bei Berührung in tausend Teile, die sich wiederum in Mikroplastik zermahlen. So findet jeder nicht vom Strand abgesammelte Müll früher oder später wieder den Weg ins Meer, damit in die Mägen der Meerestiere und darüber wiederum in unsere. Wie bei dem zuvor geschilderten Problem mit den Haustieren suchen wir erfolglos nach Lösungen. Weltweiter Pfand auf Plastikverpackungen wäre ein Schritt – doch ist das realisierbar? Und natürlich Aufklärung über Plastikmüll, aber solange die Profitgier von Menschen und Unternehmen dem Umweltbewusstsein überwiegt, wird allein Aufklärung nicht erfolgreich sein.

Vor Ort verbrennen ist eine Lösung, welche viele Müllsammler im Pazifik betreiben. Wir testen dies am Lagerfeuer im Motu-Camp. Der dabei entstehende Gestank ist unangenehm bis ekelerregend. Der Müll ist erstmal weit weg vom Meer, dafür aber offenbar teilweise in der Atmosphäre – eine optimale Lösung ist es also auch nicht. Kann der Staat das Problem lösen? Wir finden ja, zumindest zum Teil. Im afrikanischen Land Ghana erhalten die Menschen von einer Nichtregierungsorganisation Geld für gesammelten, sortierten Plastikmüll. In Ruanda sind seit einigen Jahren Plastiktüten verboten und allein deren Besitz unter Strafe gestellt. In Vanuatu, wo wir 2017 ähnlich erschüttert von der Plastikflut waren, wurde kurz danach Einwegplastik staatlich verboten. Wir sind gespannt, was sich getan hat, wenn wir hoffentlich im Juli 2022 Vanuatu per Segelboot bereisen dürfen.

Am Abend kochen wir in stabilen Alu-Guss-Marmites (typische Töpfe hier) Reis und Kaffeewasser auf dem Feuer. Dazu gibt es Gurken-Tomaten-Salat mit Dosenfleisch. Südsee-Lagerfeuerflair. Leider ist der Wettergott uns nicht allzu gnädig und kurz nachdem wir uns in die Zelte zurückgezogen haben, regnet es. Mit kurzer Unterbrechung geht das bis zum Morgengrauen so weiter. Die in die Jahre gekommenen Zelte halten wie erwartet nicht dicht und wir kauern uns auf den trockenen Stellen zusammen. Die Muschelschürferinnen entscheiden daher am Morgen, dass wir wieder zurückfahren. Als das bestellte Boot ankommt, ist schönster Sonnenschein – aber wir fahren trotzdem zurück. Vorher gibt es noch eine Schnorchelrunde am Rand vom Riff. Fische und Korallen erscheinen gesund, unterscheiden sich jedoch sehr von Tahiti. Das Wasser ist hier merklich kühler, die Fische weniger farbenfroh und die Korallen mächtiger.

Zurück am Haus fragt uns Tuarue, ob wir bei unserer Motu-Runde auch den ganzen Müll gesehen hätten. Er ist für das Thema sensibilisiert, merken wir. Er glaubt, dass viel Müll von den chinesischen Thunfisch-Trawlern kommt, die in den umliegenden Gewässern unterwegs sind – das schlussfolgert er aus dem asiatisch beschrifteten Verpackungsmüll, den er ebenfalls gefunden hat. Tuarue berichtet weiter, dass er schon einmal gemeinsam mit mehreren jungen Männern einiges an Müll gesammelt und verbrannt habe, doch es komme immer wieder neuer Müll, sagt er. Wir ermuntern ihn dennoch, immer wieder den Müll zu sammeln, am besten wieder mit vielen anderen jungen Leuten zusammen, und seine Feststellungen publik zu machen.

Zwei absolute Highlights unseres Aufenthaltes auf Raivavae sind der Besuch des letzten verbliebenen Tikis sowie die Wanderung zum Mont Hiro. Der Tiki ist weiblich und steht im Garten eines Cousins von Micheline. Alle weiteren Tikis der Insel wurden im Laufe der Christianisierung zerstört oder nach Tahiti und Hawaii gebracht. Beim Anblick des lächenden Tikis aus Tuffstein freuen wir uns, eine solch historische Besonderheit aus der Nähe betrachten zu können und hoffen, dass die Dame noch lange erhalten bleibt. Auf dem Rückweg kaufen wir in der Baumschule auf Tuarue’s Arbeit einen kleinen Tiare-Busch für Micheline, welche wir anschließend gemeinsam im Garten pflanzen. Hier sind schon drei dieser Büsche vorhanden, doch Tiares kann man nie genug haben: Schließlich sind die Blüten Hauptbestandteil der prächtigen Blumenketten, hier Couronnes genannt, welche gern zur Begrüßung und zum Abschied überreicht werden.

Am Nachmittag geht es dann zum Mont Hiro. Wie fast überall in Französisch-Polynesien ist der Einstieg zum Wanderweg unbeschildert und beginnt auf Privatgrund. Da Tuarue bis 15:30 Uhr arbeiten muss, steigen wir erst spät zum Berg auf. Nach einem steilen Anstieg erreichen wir den Bergkamm, auf welchem wir nun weitere 1,5 km bis zum Gipfel wandern. Umgeben von der türkisblauen Lagune durchqueren wir eine herrliche Bergwelt, die uns an die Kanaren erinnert: Pinien und Farne bilden die vorherrschende Vegetation. Die für die heimische Vegetation so schädliche Miconia, von der wir auf Moorea berichteten, gibt es auf Raivavae zum Glück nicht. Eine wilde Herde Ziegen, ca. 20 Tiere, lebt hier oben am Berg vom reichhaltigen Gras und beäugt uns wachsam. Ein fast eisiger Wind zwingt uns, unsere Pullover anzuziehen. Das Gipfelpanorama auf dem mit 437m höchsten Berg von Raivavae ist herrlich – bei Sonnenuntergang bestaunen wir die Berge, die dünn besiedelte Küstenlinie, die Motus und die Lagune. Tuarue sagt voller Stolz: „Jetzt wo ihr hier auf dem Mont Hiro seid, seid ihr wirklich richtig auf Raivavae angekommen.“ Wir sagen Mauguugu – Danke! Als wir absteigen, leuchten uns der Mond sowie sein im Meer reflektiertes Licht den Weg. Und der Mond wird uns am kommenden Abend noch richtig überraschen…

Als wir am letzten Abend zur Außendusche gehen, stellt Hannes fest, dass irgendetwas mit dem heutigen Vollmond nicht stimmt: Die Erde schiebt sich gerade zwischen Sonne und Mond – eine beginnende Mondfinsternis! Anders als in Deutschland gab es keine Ankündigung zu einem solchen Himmelsereignis. Dank des wolkenlosen Himmels betrachten wir drei Stunden lang, wie der Mond immer mehr verdunkelt wird und eine rötliche Farbe bekommt. Lediglich ein schmaler Streifen bleibt von der Sonne erleuchtet. Mit zunehmender Verdunkelung des Mondes leuchten die Sterne immer heller. Was für ein Spektakel an diesem von Sternen übersäten, südpazifischen Himmel, und das an einem Ort völlig ohne Lichtverschmutzung. Ein schöner Abschluss für diese herrliche, verschlafene, natürliche, ruhige und sehr sehenswerte Insel! Nun geht es weiter auf die Nachbarinsel Tubuai. Wir müssen schmunzeln, als in der Schlange am Flughafenschalter sowohl vor als hinter uns Leute stehen, mit denen wir im Laufe der vergangenen Woche persönlich zu tun hatten. Raivavae ist eben wie ein kleines Dorf!

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